"Generation beziehungsunfähig"

19.06.2017

Warum wir uns so schwer tun, Partnerschaften einzugehen

Ich habe letztens mit meiner Mutter gesprochen und ihr von so einem Typen erzählt, den ich jetzt schon seit geraumer Weile date. Wir treffen uns regelmäßig mindestens einmal die Woche, machen immer irgendwas schönes, schlafen miteinander und es fühlt sich gut und absolut richtig an. Wir verstehen uns gut, wir können gemeinsam lachen und haben die gleichen Interessen.

"Seid ihr denn jetzt zusammen?", fragt meine Mutter. "Ach quatsch, nein", antworte ich und lache, "so einfach ist das doch nicht, Mama. Ich bin auch nicht verliebt oder sowas. Er bedeutet mir nichts und ich warte doch auf einen, der viel besser zu mir passt." Meine Mutter guckt irritiert und schüttelt resigniert den Kopf über die jungen Leute heutzutage, die sie einfach nicht mehr versteht. Und irgendwie bringt mich das ins Grübeln.

"Heutzutage ist das irgendwie anders als früher"

Will ich denn wirklich nicht mit ihm zusammen sein? Wünsche ich mir denn nicht eigentlich eine feste Beziehung? Jemanden, auf den ich mich verlassen kann? Doch mit ihm hab ich das eigentlich nie in Betracht gezogen, weil er so gar nicht der Typ Mann ist, den ich mir an meiner Seite vorgestellt habe. Es kam mir überhaupt nicht in den Sinn, vielleicht wirklich mit ihm zusammen sein zu wollen. Denn heutzutage ist das irgendwie an-ders als früher. Irgendwie sind wir einfach anders. Eine verrückte, verkommene Generation, die immer weiter wartet und wartet auf irgendetwas Besseres.

"Mann (x) = gutaussehend + charmant + lustig"

Früher, erklärt mir meine Mutter, da war man viel wagemutiger, viel euphorischer, viel leidenschaftlicher. Und ich gebe zu, ich kenne das nicht mehr. Ich bin nicht leidenschaftlich, nicht euphorisch und erst recht nicht mutig. Ich bin rational. Ich erwäge rational, welcher Mann in welcher Hinsicht und in welcher Lebensphase am besten für mich geeignet wäre. Wahrscheinlich könnte man da sogar eine Gleichung aufstellen. Mann (x) = gutaussehend + charmant + lustig, doch propositional ansteigend dazu wäre zudem sein Beliebtheitsgrad bei anderen Frauen, was meine eigene Eifersucht steigern würde und zudem wäre er ja dann auch ein bisschen langweilig, weil will denn nicht jede Frau einen Mann mit Ecken und Kanten? Also streichen wir das gutaussehend und vielleicht auch das charmant, doch dann wäre er ja ein Rüpel und das würde ja bedeuten, dass... So in der Art würde es wohl aussehen, wenn man all seine vielen Gedanken zu dem Thema tatsächlich mal formelhaft auf Papier bringen würde. Doch wo bleibt da die Liebe? Die Leidenschaft? Die rosarote Brille, die all die "schlechten" Eigenschaften überdeckt? Sollte man die nicht irgendwo am linksoberen Rand notieren und dann gucken, wo und bei welcher idealen Gleichung man sie mit einwerfen könnte? Doch Stopp! Was geschieht denn bloß mit uns? Warum schaffe ich es nicht, den Mann, mit dem ich mich nun schon seit einigen Monaten treffe und der, wenn ich ganz ehrlich zu mir bin und auch wenn ich mir das eigentlich überhaupt nicht eingestehen mag, mir schon irgendwie etwas bedeutet, einfach mal zu fragen, was das mit uns beiden ist?

"Aber ich verpass doch dann so viel"

Was würde dann passieren? Würde er schreiend Reißaus nehmen, weil er in genau den gleichen festen Mustern denkt wie ich und sich bloß und auf gar keinen Fall auf irgendetwas festnageln lassen will, bei dem er sich nicht zu hundertprozent sicher wäre? Oder würde er über irgendwelche Verpflichtungen rumdrucksend das Thema wech-seln und unsere Affäre/Beziehung/Treffen ganz normal weiterführen? Oder ganz vielleicht, so unwahrscheinlich diese Reaktion auch wäre und so abwegig es auch nur zu denken, doch ganz ganz vielleicht wäre er ja genauso erleichtert wie ich, dass es endlich mal an-gesprochen wurde. Und ganz vielleicht würde er sich ja sogar freuen und freudestrahlend eine Beziehung vorschlagen. Aufhören an die vielen Alternativen zu denken, die vielen Möglichkeiten, die sich in anderer Form noch bieten könnten, die "aber was wäre denn, wenn"-Augenblicke oder die "Aber ich verpass doch dann so viel". Wäre das denn wirklich so schlimm?

Ich glaube eigentlich nicht, dass unsere Generation ein Problem mit der Leidenschaft und der Liebe hat. Ich glaube sie hat ein Problem mit dem Idealismus. Und zwar in jeglicher Hinsicht. Wir wollen brillieren, perfekt, schön und leistungsstark sein und haben unendlich viele Möglichkeiten und viel Zeit dazu, uns zu perfektionieren. Eben genau in dieses Bild muss dann aber bitteschön auch unser potenti-eller Partner passen. Und da wir dazu neigen, uns selbst oder zumindest unser zukünftiges Selbst als perfekter zu illusionieren als wir es sind, denken wir auch, dass niemand anderes so richtig gut genug ist, zumindest wenn es dann plötzlich um Nägel mit Köpfen geht. Doch wem bringt es denn letztlich etwas, wenn man sein Leben lang nur wartet, auf etwas oder jemanden, der irgendwie noch besser, schöner und passender ist. Dabei könnte man in der Zwischenzeit ja vielleicht jemanden kennenlernen, der dich einfach glücklich machen kann und dabei möglicherweise absolut das Gegenteil von dem ist, was du dir eigentlich vorgestellt hattest.

Ich glaube, je länger man wartet, desto mehr Mäkel sieht man im jeweiligen Gegenüber und desto mehr idealisiert man denjenigen, der noch nicht vorbeigekommen ist und der zu ziemlich hoher Wahr-scheinlichkeit nicht einmal existiert. Vielleicht sollte man akzeptieren, dass - wie Philipp Dittberner schon sagte - die Wolke 4 eigentlich noch viel schöner ist als die Wolke 7.

Elisa Speth

11.11.2017
14.05.2018

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