Klasse, ein Klassentreffen

03.07.2017

„Und was hast du so die letzten Jahre gemacht?“

Bildnachweis: fotolia.de

„Einladung zum Vierteljahrhundert“ stand in Großbuchstaben auf der papierenen Einladungskarte, die vor mir lag. Sie war tatsächliche per Post gekommen, was in der heutigen Zeit der Facebook-Einladungen ja doch eher selten geworden war. Doch noch mehr erstaunt als über die Form war ich doch darüber, von wem diese Einladung stammte.

Ein Freund, nein eigentlich immer schon vielmehr ein Bekannter, den ich jetzt seit fast sechs Jahren nicht mehr gesehen hatte! So wie auch viele andere – eigentlich die meisten – nicht, mit denen ich früher Tag für Tag im selben Klassenzimmer gesessen hatte. Und wie ich der Facebookgruppe, die er selbstverständlich trotzdem erstellt hatte, entnehmen konnte, sollten all diese Menschen nun am nächsten Wochenende auf seinem Geburtstag sein. Er hatte wirklich den gesamten ehemaligen Jahrgang eingeladen!

Voller Vorfreude, aber auch ein bisschen mit gemischten Gefühlen, machte ich mich also auf den Weg zur Geburtstagsparty. Ich war irgendwie aufgeregt und auch sehr gespannt, was mich da wohl erwartete. Letztlich habe ich eigentlich nur mit drei oder vier Leuten aus der Schule wirklich Kontakt gehalten, alle anderen habe ich irgendwie schleifen lassen. Ich war neugierig, ob das hier jetzt wohl schon zu so einem typisch-klischeehaften Klassentreffen verkommen würde, wo jeder sich mit seinen eigenen Lorbeeren schmückte und stolz von seinem Superjob, seinen tollen Kindern (ja, so einige haben schon Kinder bekommen, was einem die zahlreichen Kinderfotos auf Facebook, immer wieder neu vor Augen führten) oder seiner tollen Freund/Freundin, Ehemann/Ehefrau berichtete.

Natürlich fragte ich mich im Zug sitzend auch direkt, was ich selbst eigentlich so Aufregendes zu berichten hatte und musste feststellen, dass meine eigenen Lorbeeren doch recht mau aussahen. Was hatte ich schon so Großes in den letzten Jahren erreicht? Ich war immer noch Single, steckte noch mitten im Studium, verdiente gerade mal so viel Geld, dass ich über die Runden kam, und wohnte in einer winzigkleinen Wohnung, die kaum genug Platz für mich und meine wenigen Habseligkeiten bot. Hochzeit, Kinder und ein fester Job oder ein eigenes Auto waren noch so viele Meilen von mir entfernt, wie sie nur sein könnten. Meine Bilanz sah also nicht gut aus. Dass ich viel auf Reisen gewesen war, viele Praktika gemacht und unter-schiedliche Jobs ausprobiert hatte – das war wohl letztendlich nicht unbedingt das, was die Leute als Erfolg verbuchen würden.

Ganz toll, allein der Weg zu der Party hatte mich jetzt also schon in eine dermaßen schlechte Laune versetzt, dass ich am liebsten direkt wieder umkehren wollte. Aber zu spät! Schon stand ich vor der Tür des großen angemieteten Gebäudes, holte einmal tief Luft und trat ein. Heiße verrauchte und alkoholgeschwängerte Luft strömte mir in dicken Schwaden entgegen und hieß mich herzlich willkommen. Mein erste Eindruck war: Es hatte sich überhaupt nichts verändert. Ich fühlte mich sofort wieder zurückversetzt in mein sechs Jahre jüngeres Selbst, das sich liebend gern mit seinen Mitschülern betrank. Tatsächlich schienen alle auch ganz gut dabei zu sein, was die zahlreichen leeren Kornflaschen auf den Tischen bezeugten. Einige waren ausgelassen am Tanzen, andere betranken sich hemmungslos, zwei lagen sogar gemeinsam in einer Ecke und machten rum. Ich ging noch einige Schritte weiter in den Raum hinein und blieb dann erstmal kurz stehen. Wo sollte ich mich hinsetzen? Es war genau wie in der Schule früher. Es hatten sich kleine Grüppchen gebildet, die üblichen Verdächtigen saßen wie immer zusammen und man musste wohlweislich überlegen, zu wem man sich gesellte. Die Entscheidung wurde mir aber schnell abgenommen, denn wie aus dem Nichts sprangen zwei meiner ehemaligen Freunde auf mich zu, fassten mich am Ellbogen und führten mich mit ausgedehnten Freuderufen in den Raum.

Zu dritt gingen wir von Tisch zu Tisch, von Person zu Person und ich war erstaunt, was ich so alles erfuhr: Die beiden in der Ecke, die ich beim Rummachen gesehen hatte, waren verheiratet. Sie hatten zwei Kinder (jetzt erinnerte ich mich auch wieder an die Facebookfotos!). Der Typ, der früher immer mit dicken Rastalocken und ei-nem imaginären Joint zwischen den Lippen herumgelaufen war und lauthals „Fuck the System“ in den Gängen gerufen hatte, hatte jetzt kurze geschniegelte Haare und trug einen glatt gebügelten Anzug. Stolz berichtete er mir von seinem neuen Job als Bankkaufmann und dass er jetzt bald noch ein Studium draufsetzen wollte, um noch ein bisschen mehr Geld zu verdienen. „Aber was ist denn mit deinen früheren Plänen passiert?“, rief ich erstaunt aus. „Tja, das waren eben nur Hirngespinste. Ich bin eben erwachsen geworden. Und es gibt kein besseres Gefühl, als Erfolg zu haben.“ Wer hätte sowas für möglich gehalten...

Am nächsten Tisch saß unsere ehemalige Klassenbeste, von der wir immer erwartet hatten, dass sie irgendwann mal Politikerin werden und die Welt verändern würde. Sie sah irgendwie verhärmt und schon weit älter als 25 aus. „Ich musste mein Studium abbrechen“, berichtete sie uns. „Ich hatte nach der Schule plötzlich das Gefühl, ich müsste alles nachholen, was ich früher verpasst habe... Dann bin ich schwanger geworden... und der Vater ist sofort verschwunden, als er davon gehört hat. Tja, so kann’s kommen...“, sagte sie wehmütig, doch ihr Lächeln schien irgendwie missraten.

Neben ihr saß Felix, früher mal ein Casanova erster Güte. Nach einem kurzen Gespräch ließ sich feststellen: Er war es immer noch! Seine längste Beziehung hatte zwei Monate gedauert und das auch nur, weil das Mädchen laut seinen eigenen Angaben zu dumm war, um zu bemerken, dass er sie in der gesamten Zeit drei Mal betrogen hatte. Während der drei Minuten, die ich neben ihm saß, hatte sich seine Hand schon verdächtig nahe meinem Bein genähert, sodass ich in Windeseile zum Nebentisch wechselte.

Ich brauchte einige Minuten, um herauszufinden, worum sich hier das Gespräch drehte. Es fielen Wörter wie „Klebestreifen“, „guter Sitz“, „bester Komfort“ und irgendwann sogar das Wort „vollkommen urinundurchlässig“. Da begriff ich: Es ging um Windeln. Hier war ich offenbar an einem Tisch nur mit Eltern gelandet und tatsächlich erkannte ich auch das Pärchen vom Anfang wieder. Schnell flüchtete ich auch von diesem Tisch, bevor ich noch nach meinen eigenen Kinderwünschen gefragt werden konnte.

Am nächsten Tisch saß die Gruppe von Jungs, die früher der Schreck jedes Lehrers waren und die von ihren Mitschülern einschließlich mir nur mit großer Ehrfurcht betrachtet wurden. Ihre Hosen hatten immer unterhalb des Gesäßes gesessen, die Schule wurde nur spärlich besucht und sie hatten an jedem Arm mindestens ein Mädchen hängen. Als ich dazustieß unterhielten sie sich gerade aufgeregt über irgendeinen Kleinjungenstreich, den sie früher in der Schule ausgeheckt hatten. „Das ist ja schön, dass ihr immer noch so gut befreundet seid“, rief ich lächelnd. „Ja klar“, sagten sie stolz. „Wir machen ja auch fast täglich was zusammen.“ „Wie? Wohnt ihr etwa alle in der selben Stadt?“, fragte ich. „Nee nee, Hotel Mama“, lachte der eine von ihnen. „Ist halt am billigsten. Eine eigene Wohnung könnte ich mir auch gar nicht leisten, dafür bräuchte ich erstmal einen Job.“ Erst jetzt wurde mir klar, dass sie gar nicht von einem früheren Streich gesprochen hatten... Da sehnten sich wohl welche sehr nach den alten Schulzeiten zurück...

Schnell wechselte ich zum nächsten Tisch. An diesem Tisch saßen ausnahmslos Studenten. Ich stellte fest, dass sich ihr Lebenslauf kaum von meinem eigenen unterschied. Mindestens ein Auslandsaufenthalt war bei jedem von ihnen Standard und dass sich dadurch das Studium in die Länge zog, war doch völlig normal. „Man muss ja noch früh genug arbeiten“, lachte die eine von ihnen. „Da kann man das Leben doch lieber noch ein bisschen genießen!“ Ein fester Partner und ein fester Job waren bei ihnen in ebenso weiter Ferne wie bei mir, was sie mir sofort sympathisch machte. „Warum sich auf irgendwas festlegen? Wir sind doch noch jung!“ Hier gefiel es mir, hier würde ich bleiben. Schon lustig, in welche Richtung sich die Leute alle so entwickelt hatten. Jeder ging seinen eigenen Weg und eins hatte ich heute gelernt: Auch ich konnte stolz auf die letzten sechs Jahre sein!

Text: Elisa Speth

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