Slow Fashion

17.03.2017

Mach doch mal langsam

Eine neue Bewegung kämpft für mehr Nachhaltigkeit in der Textilindustrie. Die Rede ist von Slow Fashion. Aber was ist das und wieso sollte uns das jetzt interessieren?

Die digitalisierte Gesellschaft entwickelt sich rasant und ihre Konsumenten gieren nach immer Neuem. Präsentierten vor Jahrzehnten namhafte große Modehäuser pro Jahr eine, höchstens zwei Kollektionen, so stehen sie heute unter Produktionsdruck. Mit vier bis sechs Kollektionen im Jahr jagt eine Modenschau die nächste. Grund dafür ist unter anderem die Konkurrenz. Wie auch in anderen wirtschaftlichen Sparten bringen Anbieter der „erschwinglichen Ware für Jedermann“ die Preisstabilität ins Wanken. Gleichzeitig wecken sie das Bedürfnis nach ständig neuen Produkten. Ökonomisch gesehen ist das eine strategisch nachvollziehbare Konsequenz. Wer seine Ware zum Niedrigstpreis verkauft, muss mehr Einzelstücke unter die Leute bringen, um ordentlich Geld zu scheffeln. Oder die Ware muss billig produziert werden. Oder am besten beides zusammen. Billige Produktion, billiger Preis, schnell wechselndes Angebot – das ist Fast Fashion. Schnell, schneller, fast könnte das Motto vieler Modekonzerne sein.


Unter Fast Fashion leidet die Qualität.
Die Qualität der Ware nimmt im wahrsten Sinne des Wortes spürbar ab. Giftige Farbstoffe, verdrehte Nähte und Kurzlebigkeit der Kleidungsstücke sind die Folgen der Preismanie. Aber auch die Lebensqualität jener, die an der Produktion von Billigmode beteiligt sind, kann sich kaum verschlechtern. An toxischen Gasen erkrankte Textilarbeiter und durch zusammenstürzende Billigfabriken getötete Näherinnen weckten einige aus ihrem Modekaufrausch auf.
Wie so vieles fing auch Slow Fashion im Kleinen an. Aktivisten deckten Missstände in Textilfabriken auf. Die Medien halfen dabei, einen ersten Einblick in das zu gewähren, was bisher keinen interessierte. Nun ziehen auch große Bekleidungskonzerne nach. In ihren Häusern können die Verbraucher gegen Preisnachlass ihre aussortierte Kleidung recyceln. Nur leider tappen viele dabei wieder in die Falle des Neukaufs. Geschickt eingefädelt, sieht diese Form des Recyclings, mehr nach Greenwashing als nach Umweltschutz aus. Fashion-Discounter, die vor einigen Jahren in Verruf gekommen sind, zeigen sich heute von ihrer nachhaltigen „grünen“ Seite. Moralisch umstritten, ist das zumindest ein Anfang.


Slow Fashion ist das Gegenteil von Fast Fashion.
Zertifiziert, nachhaltig und langlebig soll faire Mode sein. Grüne Siegel haben es sogar auf die Preisschilder der Modesupermärkte geschafft und weisen uns den Weg vorbei an Acryl und Polyester hin zur Biobaumwolle. Trotzdem wird nach wie vor im Ausland produziert. Giftstoffe wie in vielen industriell genutzten Färbe- und Waschmitteln verschmutzen andernorts Luft und Grundwasser.
Kritische Aktivisten fordern zu Recht, die Nachhaltigkeitskette zu verlängern.


Sie gehen mit gutem Beispiel voran. Verständlich aufbereitete Informationen zum Thema bietet etwa Greenpeace an. Hier erfährt der Leser mehr über die Schattenseiten der schnellen Textilindustrie. Der normale Verbraucherkreislauf eines Kleidungsstücks besteht bei über fünfzig Prozent aus nur drei Schritten: Neu kaufen, nutzen und unrecycelt in den Müll werfen. Das entspricht einem Prozess, der die Neuproduktion von Ware unterstützt.


Ein nachhaltiger Verbraucherkreislauf entschleunigt die Herstellung von Neuware. Etwas neu Gekauftes sollte hierfür nach der Nutzung getauscht, zum Verkauf angeboten oder bei starker Beschädigung zumindest recycelt werden. Unbrauchbares, das in der Altkleidersammlung landet, kann fachgerecht entsorgt werden. Für eine möglichst lange Verbraucherkette ist Mode von langlebiger Qualität unumgänglich. Produkte von Fast Fashion-Anbietern sind dafür wenig geeignet. Hier sieht sich der Verbraucher oft gezwungen, zwischen Qualität oder niedrigem Preis zu entscheiden. Genau an diesem Punkt knüpft Slow Fashion an. Was spricht dagegen, als Verbraucher erst in der Mitte der Verbraucherkette einzusteigen? Auf dieser Welt wurde bereits so viel Kleidung produziert, dass die Auswahl an gebrauchter Kleidung enorm ist. Kleidung gebraucht kaufen, pflegen und Aussortiertes wieder zum Verkauf anbieten. Das ist der optimale Slow Fashion-Kreislauf.


Slow Fashion kann jeder.
Secondhand in Läden, auf Flohmärkten oder online zu kaufen ist nachhaltig und kostengünstig. Dennoch hat jeder etwas, das er nicht gebraucht kaufen möchte. Bei den meisten sind das Bademode, Unterwäsche und Schuhe. Für die erste Annäherung an Slow Fashion sind eine neue gebrauchte Tasche oder ein neuer gebrauchter Mantel deshalb ideal, da diese Dinge nicht direkt auf der Haut liegen. Mit steigender Erfahrung fällt es leichter, körpernahe Kleidung secondhand zu kaufen. Mit unseren Tipps zum Thema ist Slow Fashion für jeden umsetzbar.


5 Gründe, die für Slow Fashion sprechen

  • Weniger Umweltverschmutzung, wenn weniger produziert wird
  • Reduzierung des Restmülls durch Recycling
  • Reduzierte Ausbeutung in Produktionsländern
  • Neue Kleidung kann kostengünstig erworben werden
  • Kleidertauschpartys machen großen Spaß


Die 7 goldenen Regeln für glückliche Vintagekäufer

  • Eine große Tasche oder mehrere Stoffbeutel einpacken – man weiß nie, was man findet.
  • Feuchte Pflegetücher oder Desinfektionsgel reinigen die Hände nach dem Gewühl im Kleiderhaufen.
  • Einkäufe können nicht geplant werden – man muss also offen für Zufallsfunde sein. Ein klassischer Wunschzettel hilft bei der Orientierung.
  • Gender-Crossover. Wer sagt, dass Frauen nichts in der Männerabteilung finden?
  • Azyklisches Kaufen ist klug, denn wer im Sommer schon für den Winter einkauft, spart Bares.
  • Nicht verzagen. Wenn heute nichts dabei war, ist nächste Woche sicher ein Glückstreffer dabei.
  • Upcycling macht den Unterschied: Hier die Ärmel ab, dort neue Knöpfe dran und der Saum etwas gekürzt. Schon wird mit wenigen Handgriffen ein Vintagestück zum Hingucker.


Der Slow Fashion Marktplatz
Kleidung kaufen

  • online
  • im Secondhandladen (Kette oder privat)
  • auf dem Flohmarkt
  • im An- und Verkauf, bzw. Sozialkaufhaus


Kleidung verkaufen

  • online
  • im privaten Secondhandladen
  • auf dem Flohmarkt


Kleidung tauschen

  • öffentliche Tauschpartys, z. B. Kühlhaus, EUF
  • Tauschparty mit Freunden
  • online


Kleidung spenden

  • Altkleidersammlung (www.fairwertung.de)
  • im Sozialkaufhaus abgeben (wohindamit.org)
  • an Freunde und Bekannte verschenken


Kleidung recyceln

  • In die Altkleidersammlung (Container) bringen
  • Auf dem Recyclinghof abgeben
  • In Geschäften mit entsprechenden Aktionen abgeben


Noch mehr Tipps?
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Ann-Katrin Arnold

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