Guatemala

Gestrandet dank Corona

Ich hing für 15 Tage in Guatemala-City, Guatemala, fest, da ich aufgrund der Corona-Krise und der darauf folgenden politischen Maßnahmen nicht zurück nach Deutschland konnte. So ging es in dem Land Guatemala auch 500 weiteren Deutschen. Insgesamt wurden 200.000 Deutsche im März und April 2020 mit der Rückholaktion der deutschen Bundesregierung aus vielen Ländern der Erde zurückgeholt, da Flüge überall ausfielen. Wie meine Geschichte verlief, schreibe ich in diesem Artikel.

Seit ich mein Studium in Flensburg 2018 beendet habe und nun arbeite, überkam mich eines Tages der Wille, einmal einen Auslandsurlaub zu machen, wie ich ihn noch nie gemacht habe (abgesehen von meinem Auslandssemester 2016/17 in England, die moinquadrat berichtete). Ich überlegte nicht lange, wo ich hinkönnte: nach Guatemala. Wieso dieses ungewöhnliche Reiseziel, denken sich sicher einige. Viele würden dieses vergleichsweise kleine Land nicht einmal auf der Karte finden, erst recht nicht, wenn man auf dem amerikanischen Kontinent nicht beheimatet ist oder der aktuelle US-Präsident. Auf die Idee, nach Guatemala zu reisen, kam ich wie folgt: Um die Jahrtausendwende herum gab es in meiner Heimatstadt Osnabrück dank des Austauschdienstes AFS ein paar Gastschüler aus aller Herr*Innen Länder, darunter war auch ein Guatemalteke namens Oscar. Er kam für dieses Jahr bei meiner Familie unter, er war sozusagen mein Gastbruder. Zur WM 2006 und ein drittes Mal besuchte er uns in Osnabrück, wobei er mich jedes Mal zu sich nach Guatemala einlud. Also fiel meine Urlaubswahl auf Guatemala. Da ich vorher noch nie in meinem Leben geflogen bin (nach England fuhr ich damals mit dem Eurostar, unter dem Meer hindurch), dachte ich, ich hätte vielleicht Flugangst kurz vor dem Flug oder während des Fluges. Dies stellte sich als infame Lüge meiner Wahrnehmung heraus.

Ich buchte also den Flug, am 4. März sollte es losgehen von Hamburg-Fuhlsbüttel, am 14. sollte es von Guatemala-City wieder zurückgehen. Auf dem Hinflug flog ich über Frankfurt und Houston, wo das erste Abenteuer geschah: Dank der langen Einlasskontrollen der Texanischen Flughafen-Sheriffs und der schieren Größe des Flughafens in der NASA-Stadt verpasste ich meinen Anschlussflug nach Guatemala-City. Man gab mir ein Ersatzticket für einen Flug am nächsten Morgen um 9:40 Uhr und einen Gutschein für ein Hotel namens Red Roof Hotel, zu dem ich via Shuttlebus gebracht wurde. Dort fiel mir erstmals die beeindruckende Flora der amerikanischen Südstaaten in Form von Palmen auf, wovon ich in Guatemala noch mehr sehen würde. Im Flug von Europa nach Amerika sah ich bereits erste Maskenmenschen, der Großteil trug jedoch keine Masken. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch in keinem europäischen oder amerikanischen Land irgendeine Maskenpflicht.

Angekommen in Guatemala wurde ich von meinem Gastbruder Oscar abgeholt, nachdem ich kurz in das Büro der Flughafenwache mitkommen und ein Formular unterschreiben musste, da ein Drogenspürhund eine Banane in meinem Rucksack roch. Die Banane wurde aus Sicherheitsgründen konfisziert. Des Weiteren wurde bei allen Ankommenden die Temperatur mit einem Gerät gemessen, das einem an die Stirn gehalten wurde.

In Guatemala-City zeigte mir Oscar zunächst seinen Arbeitsplatz und sein Vater lud uns zum Essen in ein Restaurant ein. Hier legte ich kurzzeitig meinen Vegetarismus ab, um die einmalige Gelegenheit wahrzunehmen, Seafood in Form eines Calamari zu probieren. Ich wurde negativ enttäuscht. Insbesondere Konsistenz und das Knackgeräusch beim Draufbeißen verfolgen mich bis heute in meinen Corona-Alpträumen. Dazu probierte ich „la mejor cerveza“, das beste Bier, Guatemalas: el gallo. Dieses gefiel mir wiederum sehr gut und sollte nicht das letzte sein, das ich während meines Aufenthalts trinken würde.

In den kommenden Tagen lernte ich Oscars Familie kennen, sah eine der ältesten Städte Südamerikas, Antigua, die ich sehr empfehlen kann. Hier waren größtenteils US-amerikanische Touristen, aber auch einige Europäer. Letztere sollten demnächst festsitzen. Des Weiteren fuhren wir zum See Atitlán, dem zweitgrößten See Guatemalas, welcher von Vulkanen umrundet ist, welche zum Glück größtenteils inaktiv sind. In einem kleinen Örtchen an diesem See sahen wir uns das Champions-League-Spiel RB Leipzig – Tottenham an. Hier kamen wir mit einem Engländer aus Manchester in Kontakt, der seit 26 Jahren in Guatemala lebte. Wir machten Corona-Scherze und verabschiedeten uns mit den Ellenbogen. Es war eins der letzten Champions-League-Spiele vor dem Aussetzen fast aller europäischen Fußballligen inklusive Champions-League. Später sollte herauskommen, dass bei dem Spiel in Leipzig mindestens ein bestätigter Corona-Erkrankter aus Thüringen im Stadion war.

Während ich die Zeit genoss, in einem Swimmingpool und im Pazifik schwamm, ich dem Fernsehsender Guatevisión bei der Arbeit zusah und weitere gallos, ausgezeichnete Fruchtsäfte und sehr gutes Essen, u. a. frijoles (Bohnen, die Kartoffeln Guatemalas) verzehrte, kamen immer weitere Corona-Nachrichten herein, die ich sporadisch mitbekam, die ab einem bestimmten Zeitpunkt aber nicht mehr zu ignorieren waren. Die einschlagendste Meldung für mich war die, dass Donald Trump ab dem 13. März die Einreise von Schengen-Bewohnern aussetzen wollte, die sich innerhalb von 14 Tagen im Schengen-Raum befunden hatten, um das Land vor Corona zu schützen. Dies traf auf mich zu. Meine Rückreise war für den 14. März geplant, also einen Tag nach Inkrafttreten des Dekrets.

Ich fuhr dennoch am 14. zum Flughafen, da ich dachte, da ich bereits in Guatemala war und lediglich über die USA nach Europa reisen würde, das Trump-Dekret nicht auf mich zutreffen könnte. Dies stellte sich als Trugschluss heraus. Man gab mir ein Ticket für einen Flug am 19. März, einen Tag später wurde der Flug gecancelt und man stellte mir ein Ticket für den 23. März in Aussicht. Derweil rief ich bei der deutschen Botschaft an, um zu fragen, ob die da was machen könnten. Durch dieses Telefonat erfuhr ich, dass der guatemaltekische Präsident, Giammattei, angekündigt hatte, die Grenzen und Flughäfen noch an diesem Tage zu schließen. Wenn ich zum Flughafen fahren könnte, könnte ich noch versuchen, einen Flug nach Mexiko oder Panama zu bekommen und versuchen, von dort aus nach Europa zu fliegen, da diese Länder noch keine tief greifenden Restriktionen verordnet hatten.

Am Flughafen angekommen gab es noch eine mexikanische Airline, Volaris, welche Flüge nach Tapachula oder Cancún anbot, zwei Städten in Mexiko. Beide Flüge waren jedoch schon ausgebucht. Am Flughafen traf ich auf weitere Deutsche und eine Österreicherin, die nun auch festsaßen.

Die folgenden 15 Tage verbrachte ich bei der Familie meines ehemaligen Gastbruders, wodurch ich ein wenig mehr Einblick in deren Alltag erlangte, da er nun nicht mehr frei hatte. Fast jeden Abend sahen wir uns die Ansprache des guatemaltekischen Präsidenten im Fernsehen an und danach wurde mir mit meinen kaum vorhandenen Spanisch-Kenntnissen erzählt, was er gesagt hatte. Es zeichnete sich ab, dass ich nicht auf ein baldiges Öffnen der Flughäfen hoffen sollte, sondern auf das Rückholprogramm der deutschen Bundesregierung.

Am 30. März 2020 war es dann endlich soweit: Ein Condor-Flieger brachte mich und viele weitere Europäer, größtenteils Deutsche, nach Frankfurt am Main. Dies war einer der wenigen Direktflüge von Guatemala nach Deutschland in der Geschichte, er landete kurz in der Dominikanischen Republik zwischen, um zu tanken und die Crew zu wechseln.

Diese Reise war die erste, bei der ich den Kontinent Europa verließ, und dann erlebte ich direkt ein solches Abenteuer. Allen Unwägbarkeiten zum Trotz würde ich jedoch sagen, dass ich froh bin, dass ich es erlebt habe, da sich das Reisen voraussichtlich in der nächsten Zeit weltweit Corona-bedingt erschwert.

David Stock

 

 

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