Prüfungsangst

Hilfe gegen die Panik

Ein beengender Druck auf der Brust. Handflächen, die trotz wiederholtem Abwischens an der Hose schweißnass bleiben. Herzrasen. Und der Schädel? Leergewischt. „Herzlich willkommen, Frau Beier. Welche Aufgabe haben Sie vorbereitet?“

Prüfungsangst ist ein weitverbreitetes Problem unter Schülern und Studenten in Deutschland. Eins, das oft belächelt wird – viele junge Menschen aber in weitreichende Vermeidungsstrategien, Prokrastination und tiefschürfende Versagensgefühle, kurz gesagt: in ein Loch stürzt, aus dem manche ohne Hilfe nicht wieder herauskommen. Die 13. Studierendensurvey des Bildungsministeriums (2016) berichtet, dass Prüfungen und Leistungsanforderungen bei „vielen Studierenden zu starken Belastungen“ führen. Dies hat sich durch die Bologna-Reform mit Einführung einer stark gestrafften Regelstudienzeit und der Vielzahl an Leistungsnachweisen und Modulprüfungen in und nach jedem Abschnitt noch verschärft. Besonders in Rechtswissenschaften und Medizin stelle der hohe Anspruch eine Belastung dar, doch auch an allgemeinen Universitäten litten demnach bis zu 78 % der Studierenden (!) unter den hohen Anforderungen und häufigen Prüfungen.

Doch woher kommt eigentlich die subjektiv empfundene Prüfungsangst, die sich bei den meisten am stärksten akut vor dem eigentlichen Prüfungstermin äußert?

Prüfungsangst bedeutet, dass eine bevorstehende oder gerade stattfindende Situation, in der Leistung und Wissen gefordert werden, körperliche Angstsymptome und Blackouts hervorruft. Meist geht das mit einer starken Selbstverurteilung einher.

Angst entsteht ursprünglich im Kopf. Die Situationen, in denen uns mulmig wird, sind an sich meist gar nicht so bedrohlich und unser Gegenüber ist uns wohlgesonnener, als wir glauben. In den meisten Fällen erliegen die Betroffenen negativen Gedanken, die auf unangenehmen Prüfungssituationen in der Vergangenheit basieren, wie dem gnadenlosen Deutschlehrer an der Grundschule, dem beim gemeinsamen Lernen regelmäßig austickenden Vater oder dem herablassenden Fahrlehrer. Hier hilft es zunächst, sich bewusst zu machen, dass die neue Situation nichts mit der alten zu tun hat. Keinesfalls sollten die Betroffenen sich in die kreisenden, vernichtenden Gedanken ergeben, sondern aktiv versuchen, sie durch kräftigende zu ersetzen. So könnte jemand, der sich fürchtet, dass bei Fehlschlag dieser oder jener Prüfung sein „Leben zu Ende geht“, dass es eine „Katastrophe“ und er deshalb ein „peinlicher Versager“ wäre, innehalten und sich klarmachen, dass sein Gehirn gerade in gedanklichen Gewohnheiten rotiert – destruktiven Gedankengewohnheiten, um genau zu sein – und sich stattdessen innerlich ermutigen. „Ich kann diese Prüfung notfalls wiederholen“, „ich habe mich gut vorbereitet“, „mein Leben geht in jedem Fall weiter“, „die Prüfer sind keine Unmenschen“ etc. wären nur einige Möglichkeiten für alternative, stärkende Gedanken. Am besten ist es, individuell auszuwählen, was ein warmes und positives Gefühl im Inneren hervorruft.

Zusätzlich zum Ersetzen der schwierigen Gedanken durch kräftigende kann es sinnvoll sein, Entspannungstechniken für die Akutsituation zu erlernen. Die Konzentration auf den Atem, z. B. indem man seine Atemzüge bis 21 zählt und dann wieder von vorne beginnt, während man vorm Prüfungsraum sitzt und darauf wartet, aufgerufen zu werden, nimmt die Aufmerksamkeit weg vom panischen Gedankenkreisen und beruhigt. Progressive Muskelentspannung oder autogenes Training sind, mit etwas Vorlaufzeit zum Einüben, andere Möglichkeiten.

Am Morgen der Prüfung hilft es, noch im Bett liegend eine Entspannungsübung zu machen oder aber sich nach Möglichkeit sportlich zu betätigen. Sich auszupowern macht den Kopf frei, baut Stress ab und steigert die Durchblutung – selbstverständlich auch die des Gehirns. Was will man vor einer Prüfung mehr? Das Frühstück sollte leicht und nahrhaft sein, viel Wasser oder Kräutertees werden empfohlen. Angezeigt ist es außerdem, rechtzeitig loszugehen, falls man den Bus verpassen, im Stau stehen oder die Prüfungsräume nicht auf Anhieb finden sollte. Wenn man vor Ort, so pünktlich wie man ist, dann allerdings auf andere Prüflinge trifft, die denselben Gedanken hatten und sich jetzt gegenseitig gerade in Themenbereichen abfragen, die man selbst mutig überhaupt nicht so detailliert gelernt hat, gilt es, sich abzugrenzen. Kopfhörer rein, Musik an, Atemübung. Es ist nicht gewinnbringend, sich so kurz vor der Prüfung noch verunsichern zu lassen oder zu erfahren, worauf man sich möglicherweise nicht vorbereitet hat.

Und wenn es dann trotz aller positiven Gedanken und guten Vorbereitung doch bei erstem Durchblicken der Klausur oder Anblick des lächelnden Prüfers für einen Augenblick zu einem Blackout kommt, hilft es, ganz offen damit umzugehen. „Könnten wir diese Frage für einen Moment zurückstellen? Ich habe den Faden verloren. Ich muss mich kurz sammeln.“ Prüfer wissen, dass Prüflinge aufgeregt sind, und versuchen meistens zu helfen. Sich darauf zu besinnen, kann ebenfalls beruhigen. Prüfungsangst ist kein seltenes Phänomen und  erst recht keine Schande. Bevor jemand sich von seiner Prüfungsstörung aufs studentische Abstellgleis befördern und den Kontakt zum Semesterjahrgang abreißen lässt, sich nur noch zuhause einigelt, um dem Stress zu entgehen, ist es immer hilfreich, die psychologischen Beratungsstellen der Universitäten in Anspruch zu nehmen. Die gibt es auch in Flensburg, und die Wartezeiten sind deutlich kürzer als bei regulären Psychotherapeuten, wie auch möglicherweise die Hemmschwelle dorthin zu gehen. Nur Mut: Wer gelernt hat, mit Prüfungssituationen souverän umzugehen, verschafft sich selbst ein Erfolgserlebnis, das auch zu zukünftigen Höchstleistungen befähigt!

Ragna Schmidt

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