"Smombie"

Die nächste Stufe der Evolution

Früher haben wir uns Geschichten erzählt. Wir lagen nebeneinander, alles war dunkel und Bilder entstanden vor unseren Augen, die uns in fremde, abenteuerliche Welten entführten. Ich erinnere mich
gerne an meine Kindheit, gerne daran, wie wir uns fantasievoll neue Spiele ausdachten, wie wir durch Wälder und Wiesen zogen und fremde Welten durchwanderten. Ich hätte niemals gedacht, dass ich
mich mal glücklich schätzen könnte, in so einer Zeit aufzuwachsen, denn wenn ich die Kinder heutzutage betrachte, dann sehe ich, dass ihnen diese Welt, die ich erleben durfte, nicht mehr zugänglich ist.

Natürlich hatten wir früher auch einen Computer und auch ich habe ab und zu daran gesessen und gespielt, aber es war doch eher selten. So viel gab es da gar nicht zu entdecken und zu tun, so viel Auswahl hatten wir nicht und es dauerte sowieso eine halbe Ewigkeit, bis das Spiel endlich geladen war. Die Kinder von heute wachsen mit Computer, Tablet, Smartphone und Fernseher auf – eine Dauerbeschallung von allen Seiten, die dafür sorgt, dass jede Ausgeburt von Kreativität zwangsläufig im Keim erstickt wird. Denn warum sollte man sich eigene Welten erschaffen, Gegenden erkunden und Menschen treffen, wenn das auch alles im Kosmos des Internets zu finden ist, wenn wir alles virtuell machen können? Das Spiel macht uns plötzlich zu einem Übermenschen mit ungeahnten Kräften, zu einem Superhelden, der es schaffen kann, die Welt zu retten.

Wir flüchten uns in ein perfektioniertes Selbst, ohne uns groß anstrengen zu müssen.

Da geht es nicht mehr ums Denken, ums Kreativsein, ums Selbstentdecken. Hier ist alles schon da, eine perfekte Welt, in der wir abschalten können, die unsere Langeweile in eine angenehme Tätigkeit umwandelt und das sogar, ohne dass wir uns auch nur einen Zentimeter bewegen müssen.

Das Problem beginnt dann erst wieder, wenn das Spiel zu Ende ist, wir aufhören müssen. Dann wissen wir plötzlich nichts mehr mit uns anzufangen. Wir langweilen uns, weil wir verlernt haben, kreativ mit
unserer Zeit umzugehen, weil wir gar nichts anderes mehr mit uns zu tun wissen, als auf irgendein technisches Gerät zu starren.

Letzte Woche habe ich meine Eltern und meinen kleinen Bruder besucht. Tagelang hatte er einen Freund bei sich zu Besuch, der auch bei ihm geschlafen hat. Immer wenn ich ins Zimmer kam, saßen die
beiden an technischen Geräten. Und sogar an unterschiedlichen. Der eine starrte aufs Tablet und guckte sich ein YouTube-Video an, der andere saß am Computer und spielte ein Egoshooter-Spiel. Als ich dann zu viel hatte und ihnen das Nutzen der technischen Geräte verbat, kamen sie zu mir, lümmelten um mich herum und langweilten sich zu Tode. Sie wollten nicht lesen, nicht malen, keinen Sport machen, nicht rausgehen – alles fanden sie blöd. Sie wollten sich lieber zurück in ihre stumpfe Welt begeben, in der sie nichts selbst erschaffen mussten, in der sie ihr Denken abstellen konnten.

Willkommen im 21. Jahrhundert. Worauf wohl würde diese Welt zusteuern, wenn die Menschen nur noch auf diese Geräte starrten? Wenn sie die Zeit nicht mehr anders zu füllen wüssten, als mit irgendeinem technischen Device?

Es wurde bereits festgestellt, dass der Klingelton unseres Handys, der eine neue Nachricht ankündigt,
genau die gleiche Menge an Endorphinen ausschüttet, wie es auch bei Drogen passiert. Wie nach Drogen werden wir also zwangsläufig auch süchtig nach dem Handy – und das legal, ohne dass über
die schwerwiegenden Risiken aufgeklärt werden würde. Kaum jemand kann sich dieser Sucht entziehen. Nicht mehr lange und wir befinden uns in einer Gesellschaft von handysüchtigen, unkreativen Zombies, die auf alles unwirsch reagieren, was sie von ihrer Sucht abhält. Dadurch geht zusätzlich auch das Mitgefühl flöten, denn wir flüchten uns zusehends in unsere eigene, egozentrierte Welt, in der wir uns nur noch um uns selbst kümmern müssen und in der alles Äußere als ein Störfaktor erscheint. Wir werden über das Smartphone mit Nachrichten und Bildern von Hurricanes, getöteten Kindern und Tieren oder neuesten Politnews bombardiert und gehen in Sekundenschnelle zur nächsten Schreckensmeldung über, die uns kaum mehr tangieren kann. Wir haben keine Zeit mehr, uns bewusst
zu machen, was für Schicksale tatsächlich dahinterstehen. Wir haben keine Zeit mehr für Mitgefühl.

Bereits 2015 war das Wort „Smombie“ – ein Mix aus Smartphone und Zombie – das Jugendwort des Jahres. Es beschreibt ziemlich treffend, wohin sich diese Gesellschaft entwickelt hat. Ich plädiere dafür, wieder mehr reale und weniger virtuelle Kontakte zu haben. Auch wenn es echte Menschen sind, die am anderen Ende der WhatsApp-Nachricht sitzen, so ersetzt das doch keinesfalls den echten, zwischenmenschlichen Kontakt, die Reaktion auf Körpersprache und Mimik und Gestik, vielleicht sogar die körperliche Berührung.

Ich plädiere dafür, das Smartphone vom Tisch, aus der Hand und vom Sofa zu verbannen, wenn man Besuch hat. Hier zählt die Fokussierung auf den Menschen aus Fleisch und Blut, der vor uns sitzt. Dieser Mensch ist es wert, unsere ungeteilte Aufmerksamkeit zu bekommen. Wir sollten unseren Mitmenschen zeigen, dass wir für sie da sind, dass wir ihnen zuhören und dass wir nicht permanent anderweitig beschäftigt sind.

Ich plädiere dafür, die kurzen Wartezeiten, zu denen wir gezwungen sind, zum Beispiel an der Bushaltestelle oder bevor die Vorlesung beginnt, zu genießen und das Handy in der Tasche zu lassen.

Wir sollten uns selbst genug sein und zuhören, was unsere Gedanken uns mitteilen. Erst durch das Nachdenken über eine Sache, durch das aktive Verarbeiten von Informationen in eigene Gedanken, bleiben diese Informationen auch in unserem Kopf hängen. Ich glaube, uns ist gar nicht bewusst, was wir uns damit antun, dass wir jede Zeit, in der wir aktiv nachdenken könnten, sofort durch das Handy überbrücken. Wann haben wir denn mal Zeit für unsere Gedanken? Wann können wir kontemplieren?

Ich plädiere dafür, Gewohnheiten zu brechen. Unsere Gewohnheit ist es, immer wenn wir von der Uni nach Hause kommen, kurz mal an den PC zu gehen – zur Entspannung. Das muss aber nicht sein.
Natürlich darf man das mal, aber es muss ja nicht jeden Tag sein. Wir könnten auch jeden Tag etwas anderes machen – mal lesen, mal spazieren gehen, mal Musik hören, mal zeichnen und dann natürlich
auch Fernsehen oder Computer spielen. Wir werden merken, dass das plötzlich sogar viel mehr Spaß macht.

Ich plädiere sogar dafür, Instagram und Facebook auf eine kurze Zeit des Tages zu beschränken. Neben der ganz offensichtlichen Verschwendung von Zeit steckt hier nämlich noch die Gefahr, dass
uns permanent andere Möglichkeiten, andere Lebensgeschichten, andere Menschen präsentiert werden. Was macht das mit uns, wenn wir uns immer wieder mit dem schlanken Model, dem Dauerweltreisenden, dem begnadeten Koch oder der Karrierefreundin vergleichen? Schaffen wir es dann tatsächlich noch, zufrieden mit unserem eigenen Leben zu sein? Oder erscheint uns das plötzlich grau und langweilig? Wahrscheinlich sieht jedes Leben manchmal grau und langweilig aus, aber das wird natürlich nicht bei Facebook oder Instagram gepostet, das können wir also nicht sehen. Durch den Vergleich mit den Anderen werden wir also nur frustriert und traurig.

Ich denke, wir müssen alle dafür arbeiten, dass unsere Welt wieder freundlicher, sozialer, mitfühlender, kreativer wird. Wir sollten öfter rausgehen, Freundschaften im Reallife pflegen und uns auch manchmal Zeit für den Wirrwarr unserer Gedanken nehmen und einfach mal „nichts“ machen. Erst wenn dieser Freiraum geschaffen ist, wenn wir uns diese Zeit mal geben, können wir wirklich wieder
kreativ sein.

Elisa Speth

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