Sonnenblumenhaus

Zu Besuch beim Klamottentausch

Gründerin Simone beim Klamottentausch im Sonnenblumenhaus. Fotos: Adila Martin

Nach dem Öffnen der Tür kommt mir ein Schwall von Wärme und lautem Gemurmel entgegen. Ich gehe durch einen kleinen Flur, gelange in den Raum des Geschehens und überblicke das Gewühle unter mir.
Freudig halten sich Tauscherinnen Kleidungsstücke aller Art vorn Körper oder strecken sie begutachtend in die Höhe. Mein erster Klamottentausch im Sonnenblumenhaus.

Für Simone Kampka ist es nach einem Jahr immer noch etwas Besonderes. Sie ist die Gründerin des Klamottentauschs und Inhaberin des Sonnenblumenhaus in der Süderfischerstraße 4a. Sie erinnert sich an die erste offizielle Veranstaltung im August 2018 zurück, an der ca. 30 Leute teilgenommen haben. Die Nachfrage stieg in kürzester Zeit und eine Veranstaltung im Monat reichte nicht mehr für den Ansturm an Second-Hand-interessierten Flensburgern aus, sodass der Klamottentausch seither zwei Mal die Woche stattfindet: Donnerstags von 19 bis 21 Uhr und freitags von 14 bis 18 Uhr.

Simones Klamottentausch hat sich parallel zu ihrer beruflichen Laufbahn entwickelt. Die gebürtige Kielerin zog vor 11 Jahren nach Flensburg, schloss ihr Studium in Verbraucherbildung und Biologie ab und arbeitete anschließend als Lehrerin. Während ihrer Zeit in Flensburg bemerkte sie, vor allem auch durch ihre persönliche Entwicklung in Bezug zur Mode, dass es vor Ort kaum Second-Hand-Läden für die jungen Leute gibt. Die essenzielle Frage in Sachen Mode und Kleidung war für sie: Was macht mich wirklich glücklich? Denn sie hat über mehrere Jahre festgestellt, dass sie Mode konsumiert und das Glück dabei nicht wirklich lange angehalten hat. Sobald das Kleidungsstück  in ihrem Besitz war, war das Glücksempfinden bereits verflogen.

Im Regel- und Idealfall sollte es so sein, dass man sich ein Teil kauft und es am liebsten direkt drüberziehen und es der Welt stolz präsentieren möchte. Doch durch das Konsumdenken der heutigen Gesellschaft (in allen Hinsichten) neigen wir dazu, die Dinge lediglich besitzen zu wollen. Hauptsache man hat es. Ob man es braucht, ist eine andere Frage. Doch das hinterfragt man oftmals während des Kaufs nicht. Und dann schaut man in seinen Schrank, entdeckt das Teil samt Etikett, fragt sich: „Wann habe ich das denn gekauft?“ oder denkt: „Das habe ich ja auch noch…“.
Das Empfinden von Glück dauerte hier nur für das Entdecken im Laden, das Bezahlen und dem Weg nach Hause an. Dass man mit jedem Kauf eines Kleidungsstücks die Modeindustrie inklusive negativen Seiten unterstützt, hinterfragen auch die wenigsten. Die Umwelt leidet durch das Abwasser, der Chemikalien und und und. „Ich habe aus diesen und weiteren Gründen ein Jahr lang gar keine Mode und Kleidung geshoppt.“, erzählt mir Simone. Sie möchte aus dem „Es-macht-mich-für-den-Moment-glücklich-Rausch“ entfliehen und das Glück beibehalten. So kam die Idee, welche anschließend auch eigenhändig in die Tat umgesetzt werden sollte.

Der Plan stand mit dem Kauf des Einfamilienhauses zwischen Mauseloch und St. Johanniskirche und wurde liebevoll zum „Sonnenblumenhaus“ dank der bemalten Hauswände getauft. Das Konzept ist einfach und genial: Du bringst so viel mit, wie du möchtest und hast. Jedes Teil kostet dich einen Euro. Wenn du ein absolutes Lieblingsteil gefunden hast und/oder es dir mehr als ein Euro wert ist, dann darfst du gern etwas in den Spendenbus (eine Spardose in Bus-Form) tun.

Die Tauschgebühr ist nicht kostendeckend, dient aber als Energieausgleich. Zusammen mit den Spenden können so neue Projekte innerhalb des Tauschs angegangen werden, zum Beispiel wurde zuletzt eine kleine Umkleidekabine in die linke Ecke des Raums gebaut, um auch das Anprobieren der Kleidung zu gewährleisten. Wöchentlich kommen um die 800 Teile zusammen, also gibt es eine ehr große Auswahl an Kleidung. Für die verschiedensten Stile ist etwas dabei, denn „es ist eine Plattform, wo man alles hinbringen kann“, stellt Simone klar. Aus hygienischen Gründen sind Unterhosen und einfache Socken vom Tausch ausgenommen. Außerdem sollten es noch gut erhaltene, heile und saubere Kleidungsstücke sein. Es ist kein Geheimnis, dass größtenteils Frauenbekleidung zu finden ist. Die Männerabteilung im Klamottentausch besteht zurzeit aus ein bis zwei Kleiderstangen und wartet darauf zu wachsen. Die Idee hier: Ein Männersamstag, um dem Shoppingverhalten, welches sich doch meist stark vom weiblichen unterscheidet, auch gerecht zu werden. Jedoch führt Simone hierzu auch eine beobachtete Tatsache auf: „Die Männer haben einen nachhaltigeren Modekonsum, denn sie tragen die Sachen bis man sie einfach nicht mehr weitergeben kann. Bis sie Löcher haben und der Stoff sich quasi auflöst.“ Und das ist absolut nichts Schlechtes.

Das Ganze gestaltet sich als eine Art „Umschlagplatz“. Das gesamte Sortiment wird gespendet und Woche für Woche nahezu komplett ausgetauscht. Die Mengen sind immens: Wöchentlich werden zehn große blaue Mehrwegtüten, mal mehr, mal weniger, an das Frauenhaus in Flensburg weitergegeben. Dieses nimmt die Kleidung -und auch sehr gern Bettwäsche und Handtücher über das Sonnenblumenhaus- mit offenen Armen entgegen, da es hier einen stetigen Wechsel von Frauen gibt. Das ermöglicht wiederrum Simone eine regelmäßige und regionale Spen-
de. Sollte sich mal ein kaputtes Teil ins Sonnenblumenhaus verirren, wird dieses aussortiert und an eine fleißige Näherin übergeben, die dieses als Stoff für wunderbares Neues weiterverwendet. Tauscher und Tauscherinnen können gerne jederzeit Alternativvorschläge und neue Anregungen zum Thema Spenden an das Sonnen-
blumenhaus geben.

„Ist das Glück oder ist das nur Konsum?“ Eine Liedtextzeile von Klan. Die Indie-Pop Band aus Berlin hat diese Frage 2018 im Song „Woran glaubst du“ gestellt. Die Gründerin des Klamottentauschs in Flensburg findet sie so treffend und sehr inspirierend. Deshalb ist es auch zum Motto der Veranstaltungen geworden. Meiner Meinung nach kann es treffender kaum sein und es hat mich definitiv auch inspiriert. Ich kann es nur jedem einzelnen ans Herz legen seine sowohl gebrauchten als auch nicht- oder selten-getragenen Kleidungs- und Schmuckstücke, wie auch Accessoires, Schuhe, Handtaschen, Mützen und Schals guten Gewissens dem Sonnenblumenhaus zu überlassen. Besucht den Klamottentausch. Er ist mindestens eine Erfahrung wert. Vielmehr ist er aber noch eine ganz andere Art und Weise des individuellen Modebewusstseins. Zudem bereitet er der Umwelt eine Freude und ist auch für den kleinen Geldbeutel geeignet. In jeglicher Hinsicht empfehlenswert.

Für weitere Details schau gern auf der Homepage „Sonenblumenhausfl.com“, bei Facebook unter „@sonnenblumehausfl“ oder bei Instagram unter „sonnenblumenhaus“ vorbei.

Adila Martin

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10.03.2020

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